Wie wir unseren Problemen begegnen können ...

 

 

Würdigung dessen was ist

 

Probleme sind kreative Leistungen zu einem hohen Preis! 

 

Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi sagt hierzu: „Weisheit entsteht eher durch Leid als durch Bequemlichkeit. Wir brauchen die Fähigkeit, Stärke aus unseren Leiden zu ziehen … den Blitzschlag unseres Herzens zu erwecken, damit er die stürmische Nacht erhellt.“

 

Doch wie genau kann ich nun mit meinen Problemen umgehen? Ich würde sagen, dass es zunächst am wichtigsten ist, seine eigenen Probleme bzw. die damit verbundene Situation zu würdigen. Was heißt das denn nun schon wieder? Genau das was es meint: Wir könnten versuchen, unsere Probleme ein wenig mehr anzuerkennen. Normalerweise machen wir nämlich genau das gerade nicht. Wir hadern mit unseren Problemen, wünschen sie schnellstmöglich weg und möchten so schnell wie möglich von ihnen erlöst werden. Wir machen unsere Probleme damit aber im Prinzip zu unseren größten Feinden, denen wir nur das Schlimmste wünschen! Aber könnten wir nicht auch hier gegenteilig verfahren? Zugegebenerweise etwas überspitzt formuliert: Könnten wir unsere Probleme nicht auch zu unseren Freunden machen? Wir kennen das doch auch aus unserem Privatleben. Solche „Freunde“, die uns ärgern und immer wieder fordern, sind doch wesentlich mehr im Blick unserer Aufmerksamkeit als jene, die uns wohl gesonnen sind und uns keine Sorgen oder schlaflose Nächte bereiten. Könnten wir nicht ebenso auch mit unseren Problemen verfahren? Probleme geben uns schließlich wertvolle Hinweise darauf, welche Bedürfnisse wir eigentlich haben. Wir sollten uns daher nicht immer die Frage stellen: „Warum gibt es das Problem?“ Sondern vielmehr „Wofür bzw. wozu gibt es das Problem?“ D.h. welchen Nutzen hat mein Problem? Dieses Vorgehen birgt auch noch einen weiteren Vorteil: Warum-Fragen beziehen sich eher auf die Vergangenheit und stärken einen Defizitblick. Es geht dann meistens darum, irgendwem irgendwelche Schuldzuweisungen zu machen. Wozu-Fragen hingegen sind eher zukunftsorientiert und fördern dadurch den Blick für Kompetenzen und Fähigkeiten. Wir werden neugierig dafür, welche Motive eigentlich hinter unseren Verhaltensweisen stecken. Dies kann der Beginn einer spannenden Spurensuche sein.

 

Arnold Beisser - ein Gestalttherapeut früherer Tage - hat einmal darauf hingewiesen, dass eine Veränderung häufig erst dann auftritt, wenn man eben nicht mehr versucht, sich zu verändern. Das ist im Grunde paradox. Denkt man allerdings ein wenig länger über diese Idee nach, so wird Folgendes deutlich: Versuchen wir krampfhaft, die Dinge um uns herum zu verändern, so scheitern wir oftmals. Wir verharren so besessen in diesen Gedanken, dass sämtliche uns zur Verfügung stehende Kraft in diese Verbissenheit gebunden ist. Nichts anderes interessiert uns mehr. Wir sind nur noch damit beschäftigt, eine Veränderung herbeizuführen. Doch wie viel Energie steht uns dann wohl noch dafür zur Verfügung, tatsächlich etwas zu verändern? Wie viel Kraft haben wir dann wirklich noch, um den nächsten notwendigen Schritt zu gehen? Vermutlich nicht viel! Jeder von uns kennt dieses Phänomen aus dem Alltag: Menschen, die zum Beispiel unbedingt einen Lebenspartner finden wollen, finden oftmals keinen! Menschen, die in jedem Fall die perfekte Eigentumswohnung kaufen möchten, finden diese einfach nicht. Aber was passiert, wenn wir uns von diesen Gedanken frei machen können? Wenn wir damit aufhören, den perfekten Lebenspartner oder die perfekte Wohnung zu finden? Auch das kennen wir aus dem Alltag: Gelingt es mir loszulassen, so schaut häufig plötzlich die große Liebe um die Ecke. Oder die perfekte Wohnung wird auf einmal auf ganz wundersame Weise wie von selbst gefunden.

 

Es geht also darum, seine Probleme als Probleme anzuerkennen und ihre Berechtigung zu sehen. Denn oftmals haben sie ja auch wirklich einen Sinn. Zumindest erfüllen Probleme häufig einen großen Nutzen für uns. Wichtig an dieser Stelle: Hierbei geht es nicht darum, Ereignisse von außen in ihrer Sinnhaftigkeit zu sehen. Häufig wird propagiert, auch in solchen Dingen einen höheren Sinn zu sehen und die Frage zu stellen: „Wofür war das gut?“ Das wäre oftmals töricht und zynisch. Denn welchen Sinn könnte es beispielsweise für tausende von Menschen gehabt haben, in deutschen KZ's dem sicheren Tod ins Auge zu schauen. Wir denken, wir sind uns darin einig, dass spätestens bei solchen Extrembeispielen deutlich wird, worum es geht. Wir meinen vielmehr Prozesse, die jeder Mensch als aktives Individuum selbst gestaltet. Wenn wir davon ausgehen, dass alles, was ein Lebewesen tut, letztlich seinem Überleben dient, so können selbst die abstrusesten Verhaltensweisen eines Menschen als eine solche für ihn ganz persönlich überaus wichtige Überlebensstrategie verstanden werden. In Extremfällen muss sicherlich überprüft werden, inwieweit solche Verhaltensweisen noch den gesellschaftlichen Konventionen entsprechen. Dieser Gedanke ist freilich kein Freibrief beispielsweise für Straftäter oder ähnliches.

 

Ein weiterer wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang ist auch die Tatsache, dass Veränderungen immer auch Auswirkungen haben können! Diesen Punkt beachten wir meistens nicht. Denn welche Auswirkungen könnte es haben, wenn unser Problem plötzlich weg wäre? Was würde uns dann noch bleiben? Und was wäre stattdessen? Könnte es also sogar von Vorteil sein, das Problem zumindest noch für eine Weile zu behalten? Schließlich kennen wir das Problem ganz gut und viel kann uns da in der Regel nicht mehr überraschen. Wir haben gewisse Routinen im Umgang mit unseren Problemen entwickelt. Doch was, wenn alles plötzlich anders ist? Wenn nichts mehr so ist wie es einmal war. Und was würde das Problem eigentlich sagen, wenn es plötzlich für immer weg müsste? Meistens gibt es eben keine Lösung, ohne einen gewissen Preis dafür zu bezahlen. Ohnehin ist es im Prinzip auch gar nicht möglich, ein Problem „wegzumachen“. Ich möchte an dieser Stelle gar keinen Pessimismus verbreiten, aber wir können Teile von uns selbst bzw. unsere Muster ja nicht einfach löschen. Es ist ja auch nicht möglich, dass wir auf einmal das Autofahren verlernen. Umso wichtiger ist es, eine Würdigung seiner Probleme anzustreben und einen angemessenen Umgang mit diesen zu entwickeln.

 

Zum Abschluss noch zwei kurze Geschichten:

 

Die Probleme der anderen ... (eine Geschichte aus Indien): In einem Dorf stand einmal ein uralter, starker Baum. Eines Tages wurden alle Dorfbewohner eingeladen, ihre Sorgen und Probleme gut verpackt an diesen Baum zu hängen. Die Bedingung war allerdings, dafür ein anderes Paket mitzunehmen. Zu Hause wurden die fremden Pakete geöffnet. Doch es machte sich Bestürzung breit, denn die Nöte und Probleme der anderen schienen deutlich größer als die eigenen. Und so liefen alle wieder zurück zum Baum und nahmen statt der fremden schnell wieder die eigenen Pakete an sich und gingen zufrieden nach Hause.

 

Der Befehl des Königs: Es war einmal ein König. Dieser schickte seinen Feldherrn mit Soldaten los und befahl ihnen: „Geht und vernichte meine Feinde!“ Und so zog der Feldherr mit den Soldaten los. Es vergingen viele Monate und keine Nachricht drang zum König. Da schickte er einen Boten hinterher. Der sollte erkunden, was geschehen war. Als der Bote das feindliche Gebiet erreicht hatte, traf er auf ein Lager, aus dem schon von weitem das fröhliche Treiben eines Festes zu hören war. Gemeinsam an einem Tisch fand er dort den Feldherrn und seine Soldaten zusammen mit den Feinden des Königs. Der Bote ging zum Feldherrn seines Königs und stellte ihn zur Rede: „Was soll das? Du hast deinen Befehl nicht ausgeführt! Du solltest die Feinde vernichten. Stattdessen sitzt ihr zusammen und feiert.“ Da sagte der Feldherr zum Boten: „Ich habe den Befehl des Königs sehr wohl ausgeführt. Ich habe die Feinde vernichtet - ich habe sie zu Freunden gemacht!“

 

 

 

 

Da wo wir hinschauen, so geht es uns auch

 

Im Englischen gibt es einen Satz, der diese Überschrift noch mal etwas deutlicher auf den Punkt bringt: „Energy flows where attention goes.“ Was heißt das? Eigentlich ist es sehr einfach und für jeden logisch nachvollziehbar: Wenn ich meine Aufmerksamkeit mit Hilfe meiner Sinne auf Themen oder Dinge richte, die eher problembehaftet sind, dann geht es mir auch nicht so gut. Richte ich meine Aufmerksamkeit beispielsweise darauf, wie schlecht es mir geht, wie ungerecht ich von allen behandelt werde und wie schlimm es das Schicksal jeden Tag mit mir meint, so steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es mir dementsprechend auch nicht so gut geht. Wir spielen unsere Verletzungen im Geiste quasi immer wieder durch. Das kennt jeder von uns. Vielleicht sind wir unbewusst der Meinung, dass sich durch wiederholtes Durchspielen die Situation verbessert, was sie natürlich nicht tut. Richte ich im Gegenteil aber die Aufmerksamkeit darauf, was vielleicht ganz gut läuft und was mich zufrieden stimmt, so steigt wiederum die Wahrscheinlichkeit, dass es mir wieder etwas besser geht.

 

Die Aufmerksamkeitsfokussierung auf solche Lichtblicke im Leben aktiviert Areale in unserem Gehirn, die für die Entstehung von Glücksmomenten zuständig sind. Auch dieses Phänomen kennt jeder von uns: Erinnern Sie sich beispielsweise einmal an eine Situation, bei der es Ihnen so richtig gut ging. Das mag der erste Kuss sein, eine ausgelassene Feier, das Bestehen einer Prüfung - ganz egal. Merken Sie, dass es Ihnen gerade ein kleines Lächeln ins Gesicht zaubert? Es ist also wichtig zu wissen, dass Dinge, die positiv bewertet werden, in der Regel auch positive Stimmungen nach sich ziehen. Schaut man hingegen immer nur auf das, was nicht so gut läuft, dann geht es mir auch nicht so gut! Der Scheinwerfer der Aufmerksamkeit sollte daher ab und an ein wenig in Richtung positiver Lebensaspekte gedreht werden.

 

Problematisch in diesem Zusammenhang ist aber die Tatsache, dass Menschen absolute Gewohnheitswesen sind. Haben wir uns erst einmal angewöhnt, immer wieder auf negativ bewertete Dinge in unserem Leben zu schauen, so wird es schwierig, sich umzugewöhnen und wieder mehr die positiven Dinge des Lebens zu betrachten. Schuld dafür ist im Prinzip unser Gehirn. Denn sehr vereinfacht ausgedrückt kann man sagen: Schaut man auf negative Dinge, so wird der Bereich im Gehirn trainiert, der dazu beiträgt, dass wir auf eben jene Negativaspekte immer wieder schauen. Wir werden also im Grunde zu wahren Experten darin, immer wieder auf diese negativen Aspekte zu schauen. Verrückt ist im Grunde, dass wir uns selbst diese Dinge auch einfach glauben. Würde hingegen jemand ständig um uns herum sein, der genau dieselben Gedankengänge verbalisiert, würden wir sehr schnell verärgert oder gelangweilt sein. Doch mit uns selbst gehen wir Tag für Tag einfach so um. Es entwickeln sich Automatismen, die oftmals nicht einfach so abgestellt werden können.

 

Doch was heißt das eigentlich? Heißt das, dass ich meine Probleme ignorieren und nur noch darauf schauen soll, was gut läuft? Und heißt das, dass ich selbst Schuld habe an meiner Situation, weil es mir ja nur deshalb schlecht geht, weil ich auf meine Probleme schaue? Die Antwort auf beide Fragen lautet ganz klar: Nein! Ich vertrete hier nicht den Ansatz, Probleme zu ignorieren oder Schuldzuweisungen zu machen. Mitnichten! Es ist schon wichtig, sich mit seinen Themen auseinanderzusetzen. Denn in der Regel werden Dinge, die man verdrängt und in den Hintergrund schiebt, irgendwann so übermächtig, dass sie uns wieder einholen und mit einer geballten Wucht überrollen. Oftmals sogar in Form von körperlichen Symptomen, die zwar auftreten, von Ärzten aber häufig gar nicht aus einer somatischen Sicht heraus erklärt werden können. Solche Phänomene sind der breiten Öffentlichkeit dann in der Regel unter dem Stichwort "Psychosomatik" bekannt.

 

Aber wo waren wir eigentlich stehen geblieben? Es geht nicht darum, Probleme einfach auszublenden, denn sie sind ja nun mal da. Oder besser gesagt: Sie wirken zumindest! Daher wäre es fatal, so zu tun, als gebe es sie gar nicht. Es ist im Gegenteil sogar wichtig, über Probleme zu sprechen, sich mit anderen darüber auszutauschen, sie anzugehen und zu schauen, wie ich die Dinge wieder in den Griff bekomme. Aber genauso erlaubt ist es eben auch, auf Gutes, ja vielleicht auf Ausnahmen, wo es eben ausnahmsweise vielleicht ja doch ganz gut gelaufen ist, zu schauen. Ausnahmen zeigen nämlich, dass es ab und an ja auch schon besser funktioniert hat. Denn auch Gutes bzw. Lösungen haben eine Daseinsberechtigung. Schließlich essen wir ja auch nicht jeden Tag Speisen, die uns nicht ganz so gut schmecken. Hin und wieder dürfen wir uns ruhig unser Lieblingsgericht gönnen! Daher auch hier: Viel Spaß beim Probieren!

 

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