Partnerschaft - Quell allen Glücks!?

 

„Partnerschaft heißt nicht, dass es der Partner schafft.“

 

Oder doch? Zumindest wäre das viel einfacher. Wie bequem wäre es, wenn wir uns zurücklehnen könnten und einzig unser Partner dafür verantwortlich wäre, dass die Beziehung gut läuft. Doch neben der Tatsache, dass das ja gar nicht funktionieren würde - schließlich wäre unser Partner in der gleichen Situation und könnte uns ebenfalls in dieselbe Verantwortung nehmen -, stellt sich die Frage, ob wir das überhaupt wollen würden bzw. ob es eigentlich zweckdienlich wäre. Beziehungen können nicht einseitig sein.

 

Diesen Punkt hat schon Martin Buber erkannt. Martin Buber war Religions- und Sozialphilosoph und hat sich intensiv mit der Beziehung zwischen Menschen beschäftigt.

 

Die Hauptaussage von Buber lautet: „Der Mensch wird am Du zum Ich“. Das Ich ist demnach nichts Fertiges, sondern entwickelt sich vielmehr in der Beziehung zu einem Gegenüber (Du). Daher kommt Buber auch zu dem logischen Schluss: „Die Krankheiten der Seele sind Krankheiten der Beziehung“. „Die Qualität der Welt in der wir leben wird bestimmt von der Qualität unserer Beziehungen.“ Und dieser Aspekt gilt natürlich auch für Partnerschaften. Partnerschaften können krankmachend, aber auch heilsam sein.

 

Buber differenziert zwischen zwei Arten von Beziehung: Ich-Es-Beziehung und Ich-Du-Beziehung. In einer Ich-Es-Beziehung wird mein Gegenüber als Es, also als ein Objekt, betrachtet. Der andere wird nicht als Person angesprochen, das Zwischenmenschliche tritt in den Hintergrund. In einer Ich-Du-Beziehung wird mein Gegenüber direkt als Person betrachtet, nicht als Objekt. Natürlich muss und darf sich eine solche Beziehung auch zunächst entwickeln. Bubers Ich-Du-Beziehung ist eher eine Haltung, bei der ich mein Gegenüber als gleichwertig erlebe. Isoliere ich mich von anderen Menschen, so existiert dieses Ich-Du nicht. In der Folge kann ich nur auf mich selbst antworten und in Resonanz gehen. Man sollte demnach in seinem Umfeld darauf achten, dass man sich mit Menschen umgibt, die einem wohlgesonnen sind und das Beste für uns wollen. Auch ein Baum wächst schließlich am besten, wenn er sich in einem gesunden und nährenden Umfeld befindet.

 

Doch häufig sind unsere Ansprüche unserem Partner gegenüber völlig überzogen. Wir wollen alle das ganz große Abenteuer in unserer Partnerschaft: Unser Partner soll unser bester Freund, unsere größte Liebe, unser persönlicher Coach, unser leidenschaftlicher Liebhaber - eben unser Quell allen Glücks - sein. Doch wir sollten uns einmal klar machen, wie eine Partnerschaft klassischerweise abläuft: Nach einer ersten Phase der Verliebtheit mit ganz vielen Schmetterlingen im Bauch und einer doch häufig etwas überzogenen Idealisierung des Gegenübers, verbunden mit der Vorstellung einer niemals endenden Liebe, folgt zumeist eine gar nicht negativ gemeinte Phase der Ernüchterung. Die große Leidenschaft und Romantik relativiert sich dann. Erst hier wird entschieden, ob die Beziehung aufrecht erhalten wird oder nicht. Dies kann sicherlich am besten dann funktionieren, wenn wir emotional nach wie vor mit unserem Partner verbunden sind und auch unser Kopf uns sagt, dass dieser Partner eine gute Wahl ist. Eine Entscheidung nur für das eine und gegen das andere wird dauerhaft aber wohl nicht funktionieren. Nur eine emotionale Heimat zu haben ist sicherlich zu wenig, aber auch ein Partner auf zwar intellektueller Augenhöhe aber ohne große gefühlsmäßige Verbundenheit ist dauerhaft nicht zufriedenstellend. Vielleicht ist es hier hilfreich, zwischen Liebe und Partnerschaft zu differenzieren: Partnerschaft kann vielleicht etwas rationaler betrachtet werden als Liebe. Partnerschaft können konkrete Absprachen und Verständigungen sein. Liebe hingegen ist unberechenbar. Eine funktionierende Beziehung ist wohl diejenige, wo sich beide Aspekte auf passende Weise ineinander verschränken.

 

Irgendwann kommen viele Menschen allerdings an den Punkt, wo sie sich in ihrer Partnerschaft nicht mehr sonderlich wohl fühlen. Hierzu fällt mir Erich Kästners Gedicht „Sachliche Romanze“ ein:

 

Als sie einander acht Jahre kannten

(und man darf sagen: sie kannten sich gut)

kam ihre Liebe plötzlich abhanden.

Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

 

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,

versuchten Küsse, als ob nichts sei,

und sahen sich an und wussten nicht weiter.

Da weinte sie schliesslich. Und er stand dabei.

 

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.

Er sagte, es wäre schon Viertel nach vier

und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.

Nebenan übte ein Mensch Klavier.

 

Sie gingen ins kleinste Café am Ort

und rührten in ihren Tassen.

Am Abend saßen sie immer noch dort.

Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort

und konnten es einfach nicht fassen.

 

Was ist nun, wenn ich mich in meiner Partnerschaft nicht mehr wohl fühle? Äußere, aber auch eigene, innere Stimmen sagen dann häufig: „Sei doch einfach mal zufrieden mit dem, was Du hast, und hadere nicht!“ Das ist auch gut so, schließlich sollte eine Beziehung wegen Kleinigkeiten nicht leichtfertig aufgegeben werden - auch wenn sie in der heutigen Zeit jederzeit austauschbar wäre. Doch ganz nüchtern betrachtet: Kann ich mit Sicherheit sagen, dass ich meinen Partner morgen noch lieben werde? Oder umgekehrt: Weiß ich mit Sicherheit, dass mein Partner mich auch morgen noch liebt? Nein, das weiß ich nicht! Was also tun, wenn die bereits beschriebene Balance zwischen Herz und Verstand ins Wanken gerät? Sind Zweifel nicht zumindest schon ein Hinweis darauf, dass irgendetwas nicht mehr stimmt? Häufig ist die Frage „Trennung - Ja oder Nein?“ auch gar nicht so schwierig zu beantworten. Dass, was uns in der Regel von einer Trennung abhält, sind doch vielmehr unsere Ängste hinsichtlich der vermuteten Konsequenzen einer Trennung. Werde ich die Trennung irgendwann bereuen? Was ist, wenn ich nach der Trennung keinen Partner mehr finde? Gibt es überhaupt irgendwo da draußen die ersehnten 100%? usw. sind Fragen, die wir uns automatisch stellen und eher mit Katastrophenerwartungen verbunden sind.

 

Doch wie kann ich nun feststellen, ob ich mich in meiner Beziehung wirklich noch wohl fühle oder nicht? Ist mein Partner ein Zugewinn in meinem Leben? Werde ich bedingungslos geliebt und gesehen? Aus welchen Bedürfnissen heraus sonst halte ich die Beziehung aufrecht? Vielleicht nur noch, um nicht alleine zu sein? Aber fühle ich mich dann noch lebendig in meiner Partnerschaft? Oder ist es vielleicht doch so, dass sie mich eher blockiert? Karl Kraus - ein österreichischer Satiriker - schlug die einfachste Lösung vor: „In zweifelhaften Fällen entscheide man sich für das Richtige.“

 

Doch im Ernst: Manch einer hört bei der Beantwortung all dieser Fragen nur auf den Verstand. Andere wiederum achten eher auf ihr Bauchgefühl. Wie sollen wir bloß vorgehen? Mein Vorschlag wäre, auf beides zu hören, auf Bauch und Verstand! Beides sollte miteinander synchronisiert werden. Das sollte das Ziel sein. Bezogen auf meine Partnerschaft sollten wir uns etwas vereinfacht die Frage stellen: Was empfinde ich, wenn ich mir vorstelle, mich von meinem Partner zu trennen? Was hingegen empfinde ich, wenn ich mir vorstelle, zu bleiben? Wir können mit diesen Fragen auch ein wenig experimentieren. Das Ziel sollte jedoch sein, einen positiven somatischen Marker wahrzunehmen. Antonio R. Damasio hat herausgefunden, dass solche Signale aus dem Unbewussten von großer Bedeutung für gelingende Entscheidungen sind. Somatische Marker sind Ausdruck von abgespeichertem Erfahrungswissen in Form von Gefühlen und Körperempfindungen. Eine bestimmte Erfahrung ist immer mit positiven oder negativen Gefühlen und Empfindungen verbunden. Diese werden auch zu späteren Zeitpunkten erzeugt, nämlich dann, wenn sie durch ähnliche Erlebnisse angetriggert werden. Im zweiten Schritt wäre es dann wichtig, noch unser zweites Bewertungssystem, nämlich den Verstand, zu befragen. Der Kopf sollte in jedem Fall auch zu Rate gezogen werden. Zum Schluss sollten Verstand und Körper bzw. Gefühl zum selben Ergebnis gelangen. Erst dann kann ich mir hinsichtlich der Entscheidungsfindung relativ sicher sein.

 

Stellt sich zuletzt noch die Frage, was ich selbst konkret zum Gelingen meiner Partnerschaft beitragen kann. Ein wichtiger Punkt ist sicherlich zu erkennen, dass ich nicht meinen Partner ändern kann, sondern nur meine eigene Haltung gegenüber meinen Partner und seinen Eigenheiten. Es ist nicht die eine Eigenschaft selbst, die uns vielleicht am Partner nervt, sondern die Art und Weise, wie ich diese Eigenschaft bewerte. Haben Probleme also tatsächlich mit meinem Partner oder doch eher mit mir selbst zu tun? Das soll wahrlich kein Freibrief für jedwedes Verhalten auf Seiten meines Partners sein. Es gibt natürlich auch Grenzen. Dinge, die mir tatsächlich nicht guttun, müssen selbstverständlich nicht toleriert und hingenommen werden. Es geht eher darum, den Blick darauf zu werfen, dass Partnerschaft immer nur wechselseitig funktionieren kann.

 

Aus der Gestalttherapie kennen wir den Begriff der Konfluenz. Hiermit ist eine Kontaktstörung gemeint, bei der zwei oder mehr Menschen sich quasi nicht mehr als voneinander getrennt wahrnehmen können. Doch eine Beziehung sollte immer mehr sein als nur ein Wir. Schließlich sind wir immer noch autonom, so dass neben einem Wir auch immer zwei Ichs existieren sollten. Wie sonst könnten wir uns als Mensch weiterentwickeln? Dieser Prozess sollte jedem Partner bewusst sein. Denn in der Folge kann viel leichter ein Verständnis für die Unterschiedlichkeit meines Gegenübers entwickelt werden. Unterschiedliche Wünsche und Meinungen sowie divergierende Interessen innerhalb einer Partnerschaft sind damit völlig normal und sollten gegenseitig respektiert werden. Unterschiede werden dann sogar als Gewinn für die Partnerschaft betrachtet, indem sie als Ressource und nicht als Problem genutzt werden. Es ist ein Mythos zu glauben, dass nur diejenigen sich lieben können, die sich ähnlich sind. Erst durch das Bewusstsein über die Unterschiedlichkeit wird es möglich, auch Probleme innerhalb einer Beziehung zu akzeptieren und Konflikte offen auszutragen. Zudem haben wir über diese Perspektive auch die Möglichkeit zu erkennen, den anderen nicht für mein Glück und auch mich selbst nicht für das Glück des anderen verantwortlich zu machen.

 

Das Thema Partnerschaft möchte ich nun gerne mit einer wie ich finde rührenden Geschichte schließen.

 

Der verzagte Baumwollfaden

 

Es war einmal ein kleiner weißer Baumwollfaden, der hatte ganz viel Angst, dass er so wie er war, zu nichts nutze sei.Ganz verzweifelt dachte er immer wieder: "Ich bin nicht gut genug, ich tauge zu nichts. Für einen Pullover bin ich viel zu kurz. Selbst für einen winzig kleinen Puppenpullover tauge ich nichts! Für ein Schiffstau bin ich viel zu schwach. Nicht mal ein Hüpfseil kann ich aus mir machen lassen! Mich an andere kräftige, dicke, lange Fäden anknüpfen kann ich nicht, die lachen doch sowieso über mich. Für eine Stickerei eigne ich mich auch nicht, dazu bin ich zu blass und zu farblos. Ja, wenn ich aus Goldgarn wäre, dann könnte ich eine Stola verzieren oder ein Kleid... Aber so?! Ich bin zu gar nichts nütze. Was kann ich schon? Niemand braucht mich. Keiner beachtet mich. Es mag mich sowieso niemand."So sprach der kleine weiße Baumwollfaden mit sich - Tag für Tag. Er zog sich ganz zurück, hörte sich traurige Musik an und weinte viel. Er gab sich ganz seinem Selbstmitleid hin. Eines Tages klopfte seine neue Nachbarin an der Tür: ein kleines weißes Klümpchen Wachs. Das Wachsklümpchen wollte sich bei dem Baumwollfaden vorstellen. Als es sah, wie traurig der kleine weiße Baumwollfaden war und sich den Grund dafür erzählen ließ, sagte es: "Lass dich doch nicht so hängen, du schöner, kleiner, weißer Baumwollfaden. Mir kommt da so eine Idee: wir beide sollten uns zusammen tun! Für eine Kerze am Weihnachtsbaum bin ich zu wenig Wachs und du als Docht zu klein, doch für ein Teelicht reicht es allemal. Es ist doch viel besser, ein kleines Licht anzuzünden, als immer nur über die Dunkelheit zu klagen!"Da war der kleine weiße Baumwollfaden ganz glücklich und tat sich mit dem kleinen weißen Klümpchen Wachs zusammen und sagte: "Endlich hat mein Dasein einen Sinn."Wer weiß, vielleicht gibt es in der Welt noch viele kleine weiße Baumwollfäden und viele kleine weiße Wachsklümpchen, die sich zusammentun könnten, um der Welt zu leuchten?!

 

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