Unsere Wahrnehmung spielt uns einen Streich

 

Ist das, was wir wahrnehmen und von dem wir überzeugt sind, wirklich wahr? Der Autor Richard Haight schreibt hierzu passend: „Chief Roman Nose von den Cheyenne galt bei seinem Volk als unsterblich. Und dieser Glaube war jeden Tag seines Lebens Wirklichkeit – bis auf den letzten.“

 

Es klingt vielleicht ein wenig kompliziert. Aber in dem Moment, wo wir glauben, etwas zu erkennen, unterliegen wir einem Irrglauben. Denn in einem solchen Moment erkennen wir keine objektive Wahrheit (quasifotographische Abbildung dessen, was ist), sondern lediglich das, was wir sehen. Und das kann von Mensch zu Mensch durchaus sehr unterschiedlich sein. Von einer objektiven Wahrheit können wir also erst einmal nicht ausgehen.

 

Schaut man sich dieses Phänomen etwas genauer an, so kommt man zu folgenden Ergebnissen: In dem Moment, wo wir etwas wahrnehmen, erfolgen Sinnesreize an unseren Wahrnehmungsorganen. Diese Sinnesreize werden in unserem Nervensystem verarbeitet, indem elektrische Impulse, die durch den Sinnesreiz entstehen, an das Gehirn gesendet werden. Aus diesen Signalen wiederum werden durch eine aktive Leistung unsererseits Bilder - also eine Repräsentanz des Wahrgenommenen - konstruiert. Dabei handelt es sich aber bloß um eine Konstruktion, nicht um eine reale Abbildung. Daher kann man dabei auch nicht wirklich über richtig oder falsch urteilen. Denn jeder Mensch hat seine ganz eigene, subjektive Wirklichkeit. Wir sollten daher eine Offenheit zu den Wirklichkeiten unserer Mitmenschen entwickeln. Richtig oder falsch wird dadurch eher nichtig. Man sollte vielmehr davon sprechen, dass es immer mehrere Wirklichkeitskonstruktionen gibt. Wir können somit vielleicht besser akzeptieren, dass es auch andere Meinungen gibt.

 

Hinzu kommt noch ein weiterer Punkt. Denn wenn es stimmen sollte, dass ich meine ganz eigene Wirklichkeit konstruiere, so bin ich für diese Wirklichkeitskonstruktion auch selbst verantwortlich. Die Verantwortlichkeit liegt eben nicht in der „Realität“ oder bei anderen. Ich selbst trage die Verantwortung für mich und meine Wahrnehmung, oder besser gesagt Wahrgebung. Wichtig ist, dass ich mir zumindest hin und wieder darüber bewusst werde, dass ich meine Wirklichkeit selbst und autonom konstruiere. Eine objektive Wirklichkeit gibt es in letzter Konsequenz eben nicht. Heinz von Foerster, prominenter Vertreter des radikalen Konstruktivismus (einer philosophischen Richtung, die im 20. Jahrhundert entstanden ist und sich mit dieser Sichtweise beschäftigt hat) hat es auf den Punkt gebracht: „Die Welt wird nicht gefunden, sondern erfunden“ (von Foerster 1981)

 

Was sollen wir nun aber tun? Glücklicherweise ist unsere Sprache dazu geeignet, einen gewissen Konsens über die Art und Weise eines Objektes und damit über eine sozial akzeptierte Wirklichkeit herzustellen. Über den Weg einer gemeinsamen Sprache können wir Objekte also zumindest identisch bezeichnen, wodurch wiederum eine gemeinsame, verbindende Basis geschaffen wird. Denn nur, wenn meine Vorstellung beispielsweise von einem Tisch zu der Vorstellung über einen  Tisch von anderen Menschen passt, ist eine gemeinsame Verständigung über einen Tisch überhaupt erst möglich.

 

 

Trotz alledem halten wir oftmals an unseren Überzeugungen fest. Folgende Geschichte macht es nochmals mehr als deutlich: Ein Mann fährt mit seinem Wagen auf der Autobahn und hört im Radio folgende Warnmeldung: „Achtung, Achtung! Auf der Autobahn München-Salzburg kommt Ihnen ein Falschfahrer entgegen. Bitte fahren Sie besonders vorsichtig!“. Der Mann schaut hinaus und murmelt: „Was heißt da einer! Hunderte!“.

 

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